Als Autorin, die sich seit Jahren mit KI, Bildgenerierung und Datenschutz beschäftigt, habe ich mir die Frage gestellt: Kann Midjourney Texte von deinen Fotos rekonstruieren? Hinter dieser scheinbar simplen Frage verbergen sich technische, rechtliche und praktische Aspekte, die für Creator, Journalistinnen und private Nutzerinnen gleichermaßen relevant sind. In diesem Artikel erkläre ich, wie Midjourney und ähnliche Dienste mit Bildern umgehen, welche Risiken bestehen und wie man sich schützen kann.

Wie Midjourney Bilder verarbeitet — kurz technisch erklärt

Midjourney ist ein auf Diffusionsmodellen basierender Bildgenerator, der in erster Linie darauf trainiert wurde, aus Text-Prompts neue Bilder zu erstellen. Anders als spezialisierte OCR-Tools (Optical Character Recognition) ist Midjourney nicht primär dafür gebaut, Text in Bildern zu extrahieren. Dennoch:

  • Trainingsdaten können Fotos mit Text enthalten haben — Magazine-Cover, Screenshots, Produktverpackungen — und das Modell lernt Muster, Formen und Zusammenhänge.
  • Das Modell kann beim Generieren von Bildern textähnliche Elemente reproduzieren (zum Beispiel Schriften auf Plakaten), sogar wenn es keine exakte Rekonstruktion des ursprünglichen Textes ist.
  • Das bedeutet: Midjourney ist schlecht geeignet, um akkurat und zuverlässig konkrete Worte aus einem spezifischen Foto zu rekonstruieren. Es kann aber sehr wohl textähnliche Artefakte erzeugen, die Wörter oder Logos nachahmen.

    Können Bilder, die du hochlädst, für Rekonstruktion verwendet werden?

    Viele Nutzerinnen befürchten, dass ein Dienst wie Midjourney hochgeladene Bilder "einlagert" und daraus Daten oder sogar Texte extrahiert, die später anderen Nutzern zugänglich gemacht werden. Hier sind die praktischen Punkte, die ich wichtig finde:

  • Upload-Handling: Wenn du ein Bild zu Midjourney hochlädst, wird es für die Verarbeitung verwendet. Ob und wie lange es gespeichert bleibt, hängt von der jeweiligen Nutzungsrichtlinie und dem Konto-Typ ab (z. B. private vs. öffentliche Vorkommnisse, Pro-Accounts).
  • Training des Modells: OpenAI, Midjourney und andere Unternehmen unterscheiden sich darin, ob sie User-Uploads aktiv in Trainingsdaten einspeisen. Manche Anbieter erlauben das explizit, andere bieten Opt‑out-Mechanismen.
  • Metadaten: EXIF-Daten in Fotos (z. B. Kamera, GPS) können Metainformationen enthalten, die separiert und missbraucht werden können. Diese werden nicht direkt „als Text rekonstruiert“, sind aber sensitive Informationen.
  • In der Praxis: Ein einzelnes Foto enthält nicht genug Signal, damit Midjourney präzise den enthaltenen Text rekonstruiert wie ein OCR. Aber in Kombination mit großen Mengen ähnlicher Bilder oder wenn das gleiche Bild mehrfach und an vielen Orten auftaucht, steigt das Risiko, dass textuelle Inhalte indirekt reproduzierbar werden.

    Was bedeutet das für Creator (z. B. Fotografen, Designer)?

    Als Creator habe ich zwei Hauptbedenken:

  • Urheberrecht und Stilklau: Wenn deine Bilder als Trainingsdaten verwendet werden, kann das Modell deinen Stil nachahmen. Das ist kein wörtliches Rekonstruieren von Text, aber es kann visuelle Elemente, inklusive Schriftzüge, imitieren.
  • Schutz von Marken/Logos: Markenlogos und Slogans können leicht als wiedererkennbare Muster in Trainingsdaten auftauchen. Midjourney oder andere Tools können ähnliche Logos generieren, was zu Markenverwässerung oder rechtlichen Problemen führen kann.
  • Deshalb empfehle ich Creatorn:

  • Urheberrechtlich schützbare Inhalte sorgfältig verwalten und bei Bedarf Wasserzeichen einfügen (auch wenn AI diese oft entfernen kann).
  • Uploads zu KI-Diensten nur mit Vorsicht durchführen — insbesondere unkomprimierte Originaldateien meiden.
  • Metadaten vor dem Upload zu entfernen (EXIF-Stripper oder Bildbearbeitungstools).
  • Was bedeutet das für Privatpersonen?

    Für nicht-öffentlich geteilte Fotos (Familienbilder, Dokumente) ist die größte Sorge nicht, dass Midjourney exakt Text rekonstruiert, sondern dass sensible Informationen in irgendeiner Form extrahiert oder weiterverwendet werden.

  • Dokumente und Ausweise: Niemals solche Fotos auf generative Plattformen hochladen — OCR- oder Rekonstruktionsrisiken sind hier zu hoch.
  • Screenshot von Chats oder Rechnungen: Auch hier: Entferne oder verpixeln sensible Bereiche, bevor du das Bild benutzt.
  • Private Räume: Fotos mit persönlichen Gegenständen oder Adressen können Metadaten oder visuelle Hinweise enthalten, die Rückschlüsse ermöglichen.
  • Praktische Tests und Grenzen

    Ich habe in eigenen Tests festgestellt, dass generative Modelle zwar plausible Textfragmente erzeugen können (z. B. Nachahmung einer typischen Magazin-Headline), aber sie sind meist fehlerhaft: Buchstaben vertauscht, grammatische Ungenauigkeiten, oder „Gibberish“-Schrift bei kleinen Details. Exakte, zeichengetreue OCR-Rekonstruktion bleibt spezialisierter Software vorbehalten — Tesseract, Google Vision oder Abbyy liefern hier deutlich robustere Ergebnisse.

    Risiko-Tabelle: Was kann passieren — und wie man es mindert

    Risiko Wahrscheinlichkeit Auswirkung Gegenmaßnahme
    Exakte Text-Rekonstruktion von Dokumenten Gering Hoch (Datenschutzverletzung) Nicht hochladen; OCR-sensible Daten entfernen
    Stil- oder Logo-Imitation Moderat Moderate bis hohe rechtliche/rufschädigende Folgen Wasserzeichen, Markenregistrierung, Monitoring
    Metadaten-Leak (EXIF/GPS) Moderat Privatsphäre-Risiken EXIF entfernen vor Upload

    Was Plattformen und Regulierungen sagen

    Die meisten Anbieter haben inzwischen Richtlinien, die Nutzer-Uploads und deren mögliche Verwendung regeln. Midjourney beispielsweise hat seine Terms of Service mehrfach angepasst und bietet je nach Plan unterschiedliche Privatsphäre-Optionen. Trotzdem sind die Regelungen komplex und ändern sich häufig — ein Grund, warum ich immer empfehle, die aktuell gültigen Richtlinien zu lesen.

    Auf regulatorischer Ebene bringt die EU-KI-Verordnung (EU AI Act) neue Anforderungen an Transparenz. Das bedeutet langfristig mehr Rechte für Betroffene, zum Beispiel das Recht zu erfahren, ob ihre Daten in Trainingssets verwendet wurden. Bis diese Regelungen vollständig greifen, liegt die Verantwortung oft bei den Nutzerinnen und den Plattformen selbst.

    Konkrete Schutzmaßnahmen — meine Checkliste

  • Vor Upload: EXIF-Daten entfernen, sensible Inhalte verpixeln.
  • Bei öffentlichen Posts: Wasserzeichen in geringer Opazität einfügen, Originaldateien offline halten.
  • Account‑Einstellungen prüfen: Gibt es Opt‑out-Optionen für Trainingsdaten?
  • Rechtliche Schritte: Bei Missbrauch dokumentieren und rechtlichen Rat einholen (Urheberrecht, Datenschutz).
  • Monitoring: Reverse-Image-Search (z. B. Google Images, TinEye) nutzen, um unautorisierte Kopien zu finden.
  • Meine Erfahrung zeigt: Die Angst, dass Midjourney exakt und zuverlässig jeden Text aus einem Foto rekonstruiert, ist übertrieben. Aber die Sorge ist nicht unbegründet, weil generative Modelle Muster reproduzieren können und weil Uploads Metadaten enthalten. Für Creator und Privatpersonen heißt das: wachsam bleiben, technische und organisatorische Maßnahmen ergreifen und die Entwicklungen beobachten.